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Interview: Zubau-Senkung wenig sinnvoll
Dieses Interview ist der Zeitung Business Geomatics am 30.04.2012, S.7 erschienen.
Die geplante Kürzung der Solarförderung um 20 bis knapp 30 Prozent zum 1. April wird kontrovers
diskutiert. Ein Solarpark-Betreiber hat bereits angekündigt zu klagen, sollten die Kürzungen
in der aktuellen Form umgesetzt werden. Eine Entscheidung wird zum 11. Mai erwartet.
Volker Quaschning attestiert der Solarbranche dennoch Widerstandsfähigkeit.
Welche Auswirkungen sind bei einer Kürzung für die Solarbranche zu erwarten?
Interessant ist erst einmal, warum die Regierung angesichts sowieso schon beschlossener Kürzungen
von 15 Prozent zur Jahresmitte noch stärkere Kürzungen extrem hektisch durchsetzen wollte. Durch
den schnellen Ausbau der Solarenergie in Deutschland in den letzten Jahren sind die großen Energiekonzerne
unter enormen Druck geraten. Setzen wir den bisherigen Ausbau in unvermindertem Tempo fort, könnten
bereits in drei bis fünf Jahren die ersten Braunkohle- und Atomkraftwerke nicht mehr rentabel zu betreiben sein.
Hinsichtlich des gewünschten Ausstiegs aus der Kernenergienutzung und des Klimaschutzes wäre das natürlich wünschenswert.
Aber?
Den Energieriesen würde das sukzessive ihr Geschäftsmodell zerstören. Daher haben die großen Energieversorger
in den vergangenen Monaten massiv ihren Einfluss auf die Politik genutzt, um die Bedingungen für den
weiteren Ausbau der Solarenergie deutlich zu verschlechtern. Dies hatte offensichtlich Erfolg.
Was ist nun das politische Ziel?
Die jährlich neu installierte Photovoltaikleistung auf weniger als die Hälfte zu drücken und dann kontinuierlich
weiter abzusenken. Sollte dies gelingen, hätte das massive Auswirkungen quer durch die gesamte Branche.
Sprich eine weitere Kollabierung des Marktes?
Nicht unbedingt. Es ist durchaus zu erwarten, dass die Solarbranche sich deutlich widerstandsfähiger erweist
und die Neubauzahlen weniger stark als von der Politik und den Energiekonzernen gewünscht einbrechen. Die
Solarenergiebranche ist durch die wenig kontinuierliche Förderpolitik der vergangenen Jahre schon extreme
Situationen gewöhnt. Dennoch hätte auch ein moderaterer Rückgang beim Zubau spürbare Auswirkungen, die
aber unterschiedlich sind. Für Modulhersteller war die Lage durch die starke Konkurrenz aus China bereits vor der
Kürzung sehr schwer. Bei den Installateuren wird es vor allem in der zweiten Jahreshälfte Entlassungen und auch
manche Insolvenz geben. Durch die stark sinkenden Preise werden aber zunehmend Anlagen zum Eigenverbrauch
und verschiedene Auslandsmärkte attraktiv. Unternehmen, die in diesen Geschäftsfeldern gut aufgestellt
sind, könnten längerfristig von der Entwicklung sogar profitieren.
Sie erklärten jüngst, dass die Grid Parity bei der Photovoltaik bereits erreicht ist. Ist eine Förderung des
Solarstroms überhaupt noch nötig?
Die Grid Parity bedeutet leider noch nicht die volle Konkurrenzfähigkeit der Photovoltaik, da es normalerweise
nicht gelingt, den gesamten Strom der Photovoltaikanlage auch selbst zu verbrauchen. Tagsüber produziert
eine Solaranlage Überschüsse, die derzeit ins Netz eingespeist werden und noch eine festgelegte Vergütung
erhalten. Gibt es für die Überschüsse nur noch eine deutlich niedrige oder gar keine Vergütung, rechnet sich eine
Photovoltaikanlage trotz Grid Parity noch nicht.
Grid Parity (Netzparität)
Die Grid Parity bedeutet, dass man mit einer Photovoltaikanlage auf dem eigenen Hausdach den Strom
genau zu den gleichen Kosten erzeugen kann wie man für den Strombezug beim Energieversorger
bezahlt. Voraussetzung ist aber, dass der gesamte von der Photovoltaikanlage erzeugte Strom auch
zu Hause verbraucht werden kann.
Wann erreicht die Photovoltaik die volle Konkurrenzfähigkeit?
Wenn sich der Solarstrom zu der Hälfte der Kosten der normalen Haushaltskundenstrompreise erzeugen lässt.
Dann ist es unerheblich, wie hoch der eingespeiste Strom vergütet wird. Aus der Differenz zum Haushaltstrompreis
lässt sich dann ein Batteriesystem finanzieren, in dem die Überschüsse gespeichert und später selbst verbraucht
werden können. Sogar das Heizen mit Solarstrom würde dann finanziell attraktiv. Dieser Punkt wäre
bei einem weiteren schnellen Ausbau der Solarenergie vermutlich in etwa fünf Jahren erreicht.
Wie erzielt man eine funktionierende Solarbranche?
Wenn man die Energiewende in Deutschland wirklich umsetzen und einen wirksamen Klimaschutz betreiben
möchte, sollten die Installationszahlen der Photovoltaik von 2010 und 2011 weiterhin fortgesetzt werden.
Damit ließe sich bis zum Jahr 2035 ein Anteil der Photovoltaik an der Stromversorgung von etwa 30 Prozent erreichen.
Eine Senkung des Zubaus in Deutschland ist also wenig sinnvoll. Ein Wachstumsmarkt ist Deutschland
allerdings auch nicht mehr. Weltweit könnten sich die jährlichen Installationszahlen aber noch verzehn- oder
gar verzwanzigfachen. In Deutschland wird es sinnvoll sein, Solarsysteme mit Speichern zu entwickeln, die stärker
auf den Eigenverbrauch setzen.
Welche Rolle spielen solche Batteriespeicher dabei?
Sie können Haushalte unabhängiger von den Energieversorgern machen und die Versorgungssicherheit erheblich
erhöhen. Speichersysteme sind neben neuen schnell regelbaren Gaskraftwerken künftig von zentraler Bedeutung.
Diese Technologien müssen für das Gelingen der Energiewende schnellstmöglich in den Markt eingeführt
werden. Es ist zu erwarten, dass sich die Solarenergie neben der Windenergie zum wichtigsten Baustein der
Energiewende entwickelt. Daher ist es besonders bedauerlich, dass die deutsche Politik den Solarausbau zugunsten
wenig zukunftsfähiger großer Energiekonzerne reduziert, anstatt die wirklich benötigten Technologien
für die Energiewende weiter voranzubringen.
Die Fragen stellte Jennifer Lepies
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