Zeitschrift Joule
Baut mir endlich mein Elektroauto

erschienen in der Zeitschrift joule 5/2017, S.25.

Ich bekenne mich schuldig. Wir fahren seit 10 Jahren einen Diesel. Ökologisch gesehen, ist ein Auto eine Katastrophe. Aber es ist praktisch. Man kann schnell den Großeinkauf für Haus und Garten vom Baumarkt transportieren, spontane Ausflüge mit der Familie machen und muss bei der Urlaubsfahrt hinsichtlich Gepäck wenig Kompromisse eingehen. Damals hatten wir den Wagen gekauft, weil er laut VCD-Umweltliste die Familienkutsche mit dem niedrigsten Kohlendioxidausstoß war. Wenn schon Auto, dann wenigstens so umweltfreundlich wie möglich.

Inzwischen weiß ich, dass die angegeben Spritverbrauchs- und Kohlendioxidwerte nur zu erreichen sind, wenn ich die Klimaanlage ausbaue, den Seitenspiegel abschraube und die Türspalte mit Tape abklebe, nachdem die Familie eingestiegen ist. Heute fällt mir auf, dass es am Carport regelrecht stinkt, nachdem wir unser Auto eingeparkt haben. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn wir unsere Stickoxidschleuder durch die Gegend fahren. Dabei schneidet ein Euro-4-Diesel bei Schadstoffmessungen im realen Betrieb sogar noch besser ab als ein neuerer Euro-5.

Eigentlich wollen wir schon seit Jahren auf ein leises, nicht stinkendes Elektroauto umsteigen, das wir zu Hause mit eigenem Solarstrom emissionsfrei betanken. Was wir uns wünschen ist ein familientauglicher Stromer mit einer Reichweite von etwa 300 Kilometern zu einem Preis, der mit einem Mittelklasseeinkommen bezahlbar ist. Nein, es muss kein Tesla-S sein, auch wenn die Kinder das Auto toll finden. Aber alle anderen Wagen, haben entweder nicht die nötige Reichweite oder nicht genügend Platz für fünf Personen mit Urlaubsgepäck.

Trotz aller Versprechungen ist das Elektroauto für deutsche Automobilindustrie Pest und Cholera zugleich. Es wird das lukrative Werkstattgeschäft zerstören, große Teile der Wertschöpfung nach Asien verlagern und neue Hersteller wie Tesla oder BYD großmachen. Für die deutsche Automobilindustrie ist ein Elektroauto darum bestenfalls ein Zweit- oder Drittfahrzeug für Ökospinner, die das dann teuer bezahlen sollen. Wir werden unseren Diesel so lange fahren, bis uns irgendjemand das Auto baut, das wir brauchen. Bis dahin hoffen wir auf Fahrverbote und andere Repressionen, die den Umstieg auf saubere Autos beschleunigen. Und wenn das auch unseren Diesel trifft? Egal. Wir haben alle Fahrräder und Monatskarten für den Nahverkehr. Liebe deutsche Automobilindustrie: Für Schadstoffschleudern bekommt Ihr keinen Cent mehr von uns. Baut mir endlich mein Elektroauto!

Volker Quaschning

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